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Links sei reflexive Praxis – über Kunst, Rationalität, Komplexität und Gewinnerinnentum

von Die Joscha Hendrix Ende

Es ist für viele ein Bedürfnis zu gewinnen. Sich selbst, seine Person, als Gewinnerin zu verstehen, um weiter machen zu können. Die eigene Perspektive muss als rational, klug, nachvollziehbar, weise, schlau, clever, geschickt, passgenau und, idealerweise, universalisierbar gelten, um das Bedürfnis nach gelungener Selbst-Repräsentation zu stillen.

Niemand will ein Looser sein, ein Opfer, ein Verwirrter, Bekloppter oder prinzipiell Ausgeschlossener. Nun gibt es allerlei Bereiche, die vom Geltungsanspruch rationalen Denkens nicht berührt sind. Denkerinnen haben den Versuch unternommen dieses Irrationale erst einmal auf der Wahrnehmungsebene verbleibende “Phänomen” zu nennen. Geläufig ist es das Irrationale “Bild” zu nennen. Wir sprechen von Bildern oder in Bildern, um das Unabgeschlossene, nicht auf den Begriff zu bringende, zu benennen. Ein Bild ist nicht übersetzbar in ein Argument.

Ein Bild ist kein Argument.

Wer sich in der Kunst herumtreibt, dem ist diese Feststellung vielleicht geläufig. Insbesondere die Konzeptkunst und, noch weiter gehender, die “künstlerische Forschung”, also der Versuch Kunst und Wissenschaft in ein Handlungsfeld zu bringen, sind mit diesem Problem fortlaufend beschäftigt. Kunst benötigt ein Element, das nicht rational (d.h. eben auch in Form begriffsbildender Argumentation) fassbar ist, um nicht als solche verabschiedet werden zu können. Die Frage “Ist das Kunst oder kann das weg?” lässt sich als “Ist das ein Bild oder kann das weg?” umformulieren: Denn, was auch in einem Satz auszudrücken wäre, der aus rationalen Begriffen aufgebaut ist, benötigte den künstlerischen Aufwand nicht. Dass diese Welt allerdings aus Bildern und Maschinen (nichts anderes sind fein laufenden theorie-architektonische Begriffswerke) aufgebaut ist, wird hier vorausgesetzt. Es gibt Sachen, die wir verstehen, also rational rekonstruieren können, und eben Bilder. Dekonstruktion ist so das Handwerk Bilder in Begriffe zu verwandeln, um sie für den Verstand handhabbar zu machen. Was passiert also nun, wenn wir den Menschen alle Bilder wegnehmen wollen, die Welt vollständig sakralisieren, entzaubern, technisieren wollen? Die Menschen müssen feststellen, dass es ihnen nicht entspricht, als dass ihre Erfahrung aus Maschinen und Bildern besteht. Indem der politisch-ökonomische Diskurs in den kapitalisierten Staaten versucht Rationalität für sich zu beanspruchen und irrationale Praxis als post-faktisch, post-modern und irre versucht beiseite zu drängen, bleibt nur noch wahren Überzeugungstäterinnen die Möglichkeit in Bildern zu handeln, um politisch wirksam zu werden. Für einen queeren, verspielten, hedonistischen, mystischen, anarchischen, fröhlichen, ästhetischen Irrationalismus im Alltag bleibt da kein Platz mehr, als dass er unter dasselbe Verdikt der Irrationalität fällt. So können z.B. (politische) Streiks als irrational beschrieben werden, als dass sie der eigenen Position im Sinne der Weltmarktkonkurrenz schaden. Irrationalität lässt sich so nur über den als rational angenommenen Marktwert rationalisieren. Das schränkt, angesichts der Logik des Marktes und der unterschiedlichen Warenfähigkeit von Dingen und Praktiken den Korridor der lebensfähigen Irrationalitäten erheblich ein. Am besten scheint eine asoziale, irrationale Praxis, die sich direkt und nur auf den Markt bezieht und die, die Reflexion über den Gegenstand, der zu Markte getragen werden könnte oder eben nicht, ganz auslässt und auf die Vermarktung allein setzt. Dieses zu Markte tragen von Dingen, die niemand rechtfertigen könnte, ist einer der Irrationalismen des Kapitalismus. Es ist nicht uninteressant über Wert und Ware als Irrationalismen nachzusinnen, bevor zur Tat geschritten wird als Bilderstürmer in die Geschichte einzugehen.

Am Beispiel: Hausbesetzung

Ich habe mal ein Haus besetzt, weil ich ein Atelier brauchte und einen Raum zum Spielen und kein Geld hatte, um ihn zu bezahlen. Meine Bedürfnisse waren wohlreflektiert, meine Praxis nicht. Ich brauchte Raum, ich nahm mir Raum. Was hätte der kategorische Imperativ wohl dazu zu sagen gehabt? Ist es gut, dass alle immer Häuser besetzen? Und ich hätte gesagt: falsche Frage! Es ist nicht gut, dass alle Menschen Häuser besetzen – Es ist gut, dass Menschen ihren reflektierten Bedürfnissen eine enstprechende Praxis zur Seite stellen.

Irrationalismus? Komplexitätsreduktion!

Aus dem systemtheoretischen Begriffsapparat nehme ich mir hier folgendes Wort (nicht den Begriff): Komplexitätsreduktion. Komplexitätsreduktion ist, wenn die publizistische Mitte alle Irrationalismen auf einen Begriff bringen möchte. Also Trump und die Linke, Foucault und Benoist, Heidegger, Jünger und Khomeini zusammen denken will. Wenn niemand etwas nur zum Teil sein kann, sondern immer nur ganz. Wenn z.B. eine Hausbesetzerin zugleich immer die Abschaffung aller rechtlichen Gleichbehandlung fordert, also immer nach dem Motto: aus Falschem folgt Beliebiges argumentiert wird, dann wird aus Komplexitätsreduktion Bilderstürmerei. Alles Uneindeutige muss verbrannt werden; falsche Götze Irrationalität. Das Prolem ist, es gibt nicht bloß falsche Sätze, sondern auch falsches Handeln.

Das Problem der Selbst-Repräsentation

Wer keine eigenen Bedürfnisse hat, der lässt sich diese gern über Konkurrenz beibringen. In bestimmten psychischen Dispositionen ist dies gewiss angenehm und erfüllt für den, der seine Bedürfnisse sucht vielleicht einen ähnlichen Zweck, woe ein dialektisches Gespräch für einen ratsuchenden Dogmatiker. Wie es aber Menschen gibt, die sich über ihre Begriffe einigermaßen im Klaren sind und höchstens von Fach-Philosophinnen noch dialektisch aufgeklärt bzw. auf ihre Fehlschlüsse hingewiesen werden können, gibt es auch Menschen, die sich über ihre Bedürfnisse hinreichend klar sind und Unterstützung brauchen, diese besser umsetzen zu können. Irrational ist es bespielsweise Bedürfnisse anzuerkennen, deren Einlösung aber kategorisch abzulehnen. So können Menschen beispielsweise das Bedürfnis haben auf einem Bauwagenplatz zu leben oder sich in Städten bewegen zu können ohne Geld ausgeben zu müssen. Der Umsetzung dieser Bedürfnisse steht das im Weg, was Foucault wohl mit “Macht” meint und was die Sachzwänger für sich in den argumentatorischen Dienst nehmen. „Macht“ ist, was erst einmal als Ordnung in Erscheinung tritt und möglicherweise der Koordination geteilter Räume und Dinge dient, und sich dann, weil sie sich verkettet, nicht mehr erklären, also auch nicht mehr wegargumentieren lässt. Wo die Ordnung als unkorrigierbar und metaphysisch gegeben betrachtet wird, wird sie Macht und Macht ist eben auch irrational.

Die Katze mit dem Schwanz im Mund

Wer lange genug nachfragt, der findet heraus, dass es keine Letzbegründungen gibt und wer gerne mal sagt, dass Welterklärungsmodelle à la Marx hinter systemtheoretische, komplexitätsüberreiche Modelle zurückfallen, sollte bedenken, dass die Feststellung, dass es keine Letzbegründungen für Systeme gibt von Niklas Luhmann stammt, der das Vorhanden sein aller Systeme auf logische Zirkelschlüsse zurückführt (Quelle z.B.: Google “Letztbegündung Luhmann”). Anders gesagt: die Diskurse bauen auf Zirkelschlüssen auf und diese lassen sich bis zu ihrem normativen Kern dekonstruieren und dann müssen die Menschen entscheiden, ob sie diesen normativen Kern teilen. Aber auch dort ergibt sich kein sicherer Grund, denn die verhandelnden Menschen könnten ja auch rachsüchtige Arschlöcher sein, womit der Rückweg zur Frage der Selbst-Repräsentation geschafft wäre.

Gewinnerinnentum

Die Subjekte wollen Gewinnerinnen sein und deshalb sind sie lieber empirisch als utopisch bzw. mit der Wahrheit bzw. mit dem „richtigen“ Argument bzw. mit der pauschalen Verurteilung. In einer genuin irrationalen Ordnung, die Rationalität zu beschwören ist eine performativ spannende Form der Selbstvergöttlichung, aber eine kommunikative Katastrophe. Denn den Gott der Sachzwänge, der mir die Schlüssigkeit der Welt darlegt kann ich zwar beklatschen oder ausbuhen, aber zum Gespräch oder zu Solidarität oder Liebe kommt es nicht. Diese gottgleichen Subjekte haben die produktive Spaltung zwischen holistischem Selbst und partikularer Rolle in Dienste der letzteren einseitig aufgelöst und es wäre wünschenswert, dass sie sich ganz in Diskurs auflösen würden, sodass ich meinen Kaffee in Ruhe trinken könnte, statt mich mit Menschen abzugeben, die gegen sich im Dienste der höheren Sache argumentieren, gegen Menschen die falsche höhere Sachen glauben würden. “Ich möge keine praktischen Fehlschlüsse begehen” Es sollte also von Bedürfnissen auf Praktiken reflektiert würde, statt im pragmatischen Zirkelschluss von Praxis auf Praxis. Dann wäre auch das mit der Frage nach dem “Links-Sein” für mich schon wieder besser verständlich. Denn wer seine Bedürfnisse reflektiert und gegen sie mit Irrationalismen wie Sachzwängen oder Strategemen argumentiert, der ist nicht links, denn links sein sei reflexive Praxis.

Was ist Identitär?

von Die Joscha Hendrix Ende, 2018

Was unterscheidet Identität von identitärer Aktion? Ersteres ist reflexiv: Identität bestimmt das Unbestimmte. Ihr sozialer Modus ist das Spiel, weil sie selbst ein Sprachspiel ist. Zweites ist appellativ: ein Aufruf zur Gewaltförmigkeit, weil sie das Spiel für beendet erklärt, selbst gewaltförmig ist.

Nur der Denkakt ist allen Formen der identitären Aktion, als Spielschluss, gleich, in allen anderen Momenten muss identitäre Aktion konkretisiert werden. Zur Qualifizierung identitärer Aktion ist deren Absicht zu beachten, quantifiziert wird sie durch die ihr zur Verfügung stehenden Gewaltmittel (hier vorerst gedacht in ihrer kapitalistisch konditionierten Form als Spekulation auf ein Gewaltpotential).

Die moralische Frage beantwortet sich durch die Feststellung der Gerechtigkeit zwischen Drohenden und Bedrohten (Böse ist die Drohung von oben nach unten, von mehr Gewalt zu weniger Gewalt), die ethische Frage beantwortet sich über die Absicht am Maßstab des Queerkommunismus (siehe unten!). Die Feststellung der möglichen Gewaltmittel erfolgt struktur-analytisch, basierend auf der (wiederum kapitalistisch konditionierten) Spekulation, dass alle Systeme sich selbst erhalten wollen: Die Frage lautet, welche Strukturen basieren auf den identitären Setzungen, die vorgebracht werden? (*Angedacht ist es Strukturen als “Gerinnungsformen” von Setzungen darzustellen) (**Welche Strukturen brauchen welche Sprachformierungen, um sich rechtfertigen zu können? Dem Staat nützt z.B. alles, was der Konkurrenz gegen andere Staaten auf die Sprünge hilft).

Aus der Perspektive der Überwindung der Staatenkonkurrenz (ethische Absicht) und des moralischen Urteils, dass die Mobilisierung der Staatsgewalt gegen Schwächere böse ist, folgt anti-identitäre Aktion als Praxis, die selbst Gegen-Gewalt mobilisiert. (*Die identitäre Bewegung verfolgt die Stärkung der Staatenkonkurrenz und die Vernichtung der Schwachen in deren Inneren). Aus der Perspektive der Überwindung der Gewalt, zu Gunsten eines gleichen Spiels aller miteinander, folgt eine experimentelle Praxis, in der die identitären Setzungen zwischenzeitlich ausgesetzt werden – dies nenne ich ebenso anti-identitäre Aktion.. (*Dies wird oft ,Kunst’ genannt; es handelt sich jedoch um eine erkenntnis- kritische Denk-Aktion, die ,Kunst’ beispielsweise vorausgeht oder nachfolgt*) (**,Kunst’ wird diese Funktion des Nicht-Verstehens im Kapitalismus zuerkannt. Vielleicht ist dies aber nur eine Adaption des ,Heiligen’ an die Verwertung?)

Die angestrebte, gewaltfreie Gesellschaftsform des gleichen Spiels der Identitäten nenne ich in Anlehnung an Bini Adamczak “Queerkommunismus”. Anti-identitäre Aktion nenne ich diejenigen Praxen, die identitäre Formierungen unterbrechen bzw. aussetzen. Anti-identitäre Aktion bearbeite ich vorerst wie identitäre Aktion (siehe oben!) und ich unterstütze gute, richtige identitäre Aktion, gegen böse, falsche identitäre Aktion. (*Alles was nicht über ,Queerkommunismus’ in diesem Text geschrieben steht, ist für mich im Rahmen dieser Überlegungen fürs erste Gegenstand weiteren Denkens.) (**Ist queerkommunistische Aktion dann die identitäre Formierung (struktural) anti- identitärer Praxen…? Ich würde vorerst sagen, nein!)

Notizen zum queerkommunistischen Denken

von Die Joscha Hendrix Ende, 2018

A. wie Anti-Identitäre Aktion

oder Die Kapitalverhältnisse halten das Hufeisen und erzählen was vom Pferd

Verdinglichung, Verfestigung, Erstarrung, Verhärtung – von der Identität zum identitären ist es nur ein Wimpernschlag. Ein symbolischer Wimpernschlag von nur einem Moment. Es braucht nur einen Augen-Blick, ein nochmals Hinsehen und schon wird das Vorgefundene zum Eigenen. Dieses Stillstellen der Zeit, das Einfrieren der Identität, der Identifikation macht das Erschaffene, Identitäre verwertbar, verwendbar, nutzbar, aufstellbar und tautologisch. Es ist nun wirklich wie es ist, weil es nicht mehr bedacht werden kann, soll, muss, darf. Mensch kann der eigenen Propaganda glauben oder einfach das nicht nach-gedachte nach-malen, dem Unverstandenen einen inneren Sinn unterschieben, einen Mythos machen. Einen Code also, eine Chiffre, ein Bild – nicht Mikro-Poesie, eher anti-Poesie, sich nicht entfaltender Widerspruch. Un-entschiedene Vereinseitigung. Entschiedene Vereinseitung führt zum selben Ergebnis, übrigens.

Anti-Identitäre Aktion geht von einer Handreichung aus. Die Sprache reicht das Wort den Menschen reicht das Wort der Arbeit an der Verhältnissen. An allen Stellen ist der Übergang von Identität zu identitärem Denken ein Notfall. “Souverän ist wer den inneren Ausnahmezustand zu erinnern lernt, um ihn aufzuheben, was den Beginn revolutionären Denken markiert” – dies wäre ein schönes Zitat, wenn es jemensch gesagt hätte. Erst nach Übergängen, nach Gradualisierung, Schrittbarmachung tasten, erst die Hand zurück ziehen, wenn der Schmerz die Kunstgrenze durchmisst und Folter wird: dort wird identitäres, mythisches notwendig, wenn wir dem “falschen” Subjekt nicht gleich Vernichtung androhen wollen – was uns vom Faschismus unterscheiden sollte. Den Notfall, als Notfall markieren – in die Hand ritzen, die Narbe ist der Code, die Narbencreme ist das reflexive Gespräch, das Vergessen die sozialen Beziehungen. Oder: Die Narbe ist der Code, die Narbencreme ist soziale Handreichung, das Vergessen das Auf-Arbeiten der gesellschaftlichen Selbst-Organisation, die Aneignung der Verhältnisse zur radikalen Entwurzelung des Bedürfniszwangs der aus der vertragsversachlichten Vergangenheit auf uns wirkt: naturalisiert als Kapitalismus, als Mythos, den wir abwickeln können und zusammen am Faden ziehen, der konkret in Freund*innenschaft verbindet. Das Abstrakte ist das soziale Selbst, gedacht werden kann es dann nicht mehr, wenn das Soziale nicht länger eine Funktion des Ökonomischen und ebenso nicht egalisierte Nebensache ist, um die sich niemensch kümmern müsste-

Anti-Identitäre Aktion beginnt für das in Dingen denkende, das aversiv, auto-destruktiv verträumende in der Ineinanderlagerung von Unvereinbarkeiten. Transgression tektonischer Platten, statt sicherer Wurf polemischer Denunziationen in den Mythos des anderen – mit dem Wurfgeschoss als Mythos ebenso. Wer nicht nachlassen kann, der wird geglitcht/kurzgeschlossen und die Zuschreibungen platzen, während die Identität bleibt. Das Private hinterlässt Spuren, die gelegten Spuren fallen auf die Spurenleger zurück: Die Kapitalverhältnisse halten das Hufeisen und erzählen was vom Pferd. Die Frage ist: Wo finde ich Trost, Zuneigung, Liebe, wenn mir die identitären Kragen platzen – findet die Orte und baut sie auf: in diesem Verhältnis vollzieht sich die Flucht aus dem Fliegenglas des notwendig falschen Bewusstseins – also auf dem Knast: Enge und Leere… wer langweilt sich noch Mal?

ÜBER DIE SELBSTVERWALTUNG VON KUNSTSCHAFFENDEN

von Die Joscha Hendrix Ende, 2018


Was haben die Kunstschaffenden gemeinsam? Britta Peters, Kuratorin von Urbane Künste Ruhr, sagte in einem kürzlich erschienenen Interview: „Die freie Szene ist wichtig und auch der Zusammenschluss ist wichtig, um Forderungen durchzusetzen. Im Detail unterscheiden sich die Bedürfnisse und Ziele der einzelnen

Künstler* innen und Gruppen dann vermutlich doch auch erheblich. Da muss man ein bisschen gucken, dass nicht neue Normen entstehen, die einschränkend wirken, zum Beispiel die Norm kommunikativ sein zu müssen und kollektiv zu arbeiten. Das zu wollen/zu können ist einfach nicht für jede*n gleichermaßen gegeben, Raum für ein gewisses Eigenbrötlertum gehört für mich genauso zu den potentiellen Bedingungen einer künstlerischen Produktion dazu wie der gemeinsame Austausch.“

Wer will dem widersprechen? Warum sollten Normen entstehen für Kunstschaffende, haben sie doch den emphatischen Auftrag frei zu sein. Was sie nur sein können, wenn sie dafür bezahlt werden. Aber das wiederum betrifft ja alle und bedeutet somit nichts. Dass die Kunstschaffenden von Regeln nichts halten, von erzwungenen Solidaritäten, vermeintlich niedrig-schwelliger Pädagogisierung der Künste, Zugänglichkeit, Zusammenarbeit oder dem genauen Gegenteil, ist klar. Sie machen Kunst und das ist gut so. Diese Bestimmung der Kunst erzwingt folgerichtig eine Selbstorganisation der Kunstschaffenden als Religionsgemeinschaft. Weltlichen Zwecken dienen sie nicht… WEITERLESEN AUF DERSCHLECHTERUF.DE

Sprachen des Widerstands – Perspektive einer gemeinsamen Anstrengung

Ein Gespräch mit J. Hendrix Ende & Julia L. Reinermann, 2015

Ende: Was mir durch den Kopf geht ist das folgende Argument: Lässt sich durch eine wissenschaftliche Herangehensweise eine Beschreibung politischer Aktionsformen finden, die es ermöglicht aus der legalistischen Bewertung dieser auszubrechen?

Julia: Dieser fragende Gedanke kann zu ganz grundsätzlichen Fragen führen: Was bedeutet für uns Politik heute? Ist die Ordnung von sozialen Strukturen und Veränderungen nicht Ausdruck des Legalismus (kann man in Deutschland überhaupt so davon sprechen)? Und wenn nicht, wie können Alternativen gestaltet werden?

Ende: Es geht darum politisch zu denken und zu handeln, was heißen könnte Macht und Interessen in Verbindung zu bringen. „Legalismus“ soll hier heißen: ausschließlich in Recht, sprich mit dem Gesetzbuch, zu agieren. Vielleicht will ich sagen: Warum werden gewisse Formen politischer Subversion nicht positiv sanktioniert, statt unterdrückt. Und wenn jetzt alle schreien: ja, genau deswegen, dann ist diese Frage trotzdem ein Ausgangspunkt für eine politische Debatte, bei der auch der politische Gegner gern mitreden darf. Darum könnte es in Gesellschaft gehen: eine gemeinsame Anstrengung zu unternehmen, sich in Widersprüchen bewusst zu bewegen, zu etwas weniger offensichtlich Bescheuertem, wie z.B. Leute bestrafen die Ruinen anmalen oder Ruinen mit Leben füllen.
Dazu könnte es hilfreich sein eine Sprache zu finden, die politische Aktionsformen auf ihren Wirkungs-Wunsch hin untersucht (und diesen analytisch entfaltet, statt paternalistisch kleinzumachen) und somit einen Dialog schafft der situative, anarchistische, autonome Praktiken analytisch unterstützt.

Julia: „Wie entsteht dieser „Raum des Politischen“ in Anlehnung an H. Arendt, in dem derartige Dialoge stattfinden?

Ende:
Erstmal: über Macht und Zeit und Interessen reden. Dies in Zusammenhang mit Bedürfnissen und Bedingungen. Mir fällt kaum ein Zusammenhang ein, in dem dies gemacht wird. Ich kenne jedoch viele Zusammenhänge in denen auf vielfältige Weise versucht wird politisch zu sein, oder Dialoge zu führen, während z.B. eine Casting-Show läuft.
Ein Trick, derjenigen, die nicht auf politische Dialoge stehen, ist es die Ziele der politischen Bewegungen wegzubügeln und zu sagen: „Ihr stellt die Machtbeziehungen in dieser Gesellschaft praktisch in Frage: Ihr seid doch alle Extremisten!“ Dabei braucht es dringend eine freundschaftliche Begleitung gutgemeinter Radikalität. Zurück zur Sprache: Wie könnte eine Alternative zu Extremismustheorie (Egalisierung der Ziele) und Überformung durch ideologisierten Leistungs- und Erfolgssprechen (neo)liberaler Prägung („Rekuperation“) gefunden werden?

Am Beispiel:
Ein Haus wird besetzt.
Ein paar gängige Interpretationen:

Julia: Von wem?

Ende: Möglichen Sympathisant_innen…

1. „Wunderbar! Endlich passiert hier was / kriegt das Schweinesystem einen aufn´ Deckel!“
Typ: Generalisierte Subversionsfreunde
Anschluss: Eine kleine Freude und Angst vor falschen Freunden.

2. „Wunderbar! Aber Hausbesetzung sind illegal.“
Typ: Erwachsen & Widerständig
Anschluss: Immerhin, aber betrüblich einfallslos.

Julia: Werden hier nicht verschiedene Akteurstypen vermengt?

Ende: Wenn du gestattest, will ich hier der Frage ausweichen. Beispiele sind immer Stolperfallen. Einen hab ich noch:

3. „Wunderbar! Lass uns das in ein politisches Vorhaben überführen!“
Typ: Optimistisch bis kreativ

Julia: Ist eine Hausbesetzung nicht bereits ein politisches Vorhaben?

Ende : Mich wundert, dass du nicht nach „kreativ“ gefragt hast. Einerseits: Ja. Eine Hausbesetzung ist eine politische Aktion, die auf zwei Weisen Unterstützung verdient. Erstens sollten die Aktivist_innen darin unterstützt werden, den Raum langfristig nutzen zu können. Zweitens sollten die Aktivist_innen in ihrem politischen Anspruch (sofern vorhanden) ernst genommen werden. Diejenigen Akteure, die das Bedürfnis verstehen, die Hausbesetzung als Praxis jedoch ablehnen, stehen möglicherweise am Anfang einer wundervollen Lernprozesses. Diejenigen, die die politischen Ansprüche teilen, die Aktionsform jedoch ablehnen, haben Probleme ihren Ärger in eine schönere Richtung abzuleiten.

Weil es aber im Vergleich zu Hausbesetzer_innen, viele mögliche SympathisantInnen gibt, versuchen diese die aktivistischen/bewegungsorientierten und/oder anarchistisch/sozialistisch/kommunistisch-motivierten Aktionen in eine erfolgversprechende, parlamentarische oder kreativwirtschaftliche Sprache zu übersetzen und so geht mit der gedanklichen Perspektive, auch die aktionistische Substanz verloren.

Julia: Warum muss die Radikalität aufgeben werden? Mit Radikalität muss sich ja noch kein Ausdruck von körperlicher Gewalt formieren, sondern vor allem erst einmal ein „So-nicht-mehr“. Wobei meistens ja dann sowieso auf bestehende Protestformationen zurückgegriffen wird.

Ende: Die Radikalität, oder besser: der Wunsch nach einer kontinuierlichen Anstrengung für die Aufhebung der Dinge zum Besseren, wird aufgegeben, sobald die Sprache des Widerstands aufgegeben wird.

Julia: Vor allem bestehen ja doch feine Unterschiede zwischen aktivistischen, bewegungsorientierten, anarchistischen, sozialistischen und kommunistisch-motivierten Aktionen. Obliegt man nicht hier die Gefahr ein Protestmilieu zu kollektivieren, welches in sich selbst unstimmig und heterogen ist? Wäre nicht eher der Gedanke von Slangs oder Dialekten des Protests zu sprechen?

Ende: Feine Unterschiede! Haarfein, klitzeklein. Nein, halt. Ironie lässt sich aus gedrucktem Text schwierig herauslesen. Im Ernst: Du hast selbstverständlich recht. Das überhaupt in einen Satz zu packen ist schon recht haarsträubend. Es ginge wenn überhaupt darum gemeinsame Interessen zu bündeln, sich auf Spiele oder Bündnisse einzulassen. Ohne vorher Haare zu spalten, geht da bei den Agitationsfreund_innen nichts – der Rest ist Praxis. Ich würde die inhaltlichen Differenzen aber nicht „Slangs“ oder „Dialekte“ nennen wollen. Das könnte allerdings ein spannender Forschungsansatz sein. Damit könnten vielleicht theoretische Differenzen von bloßen Sprachgrenzen unterschieden werden. Wer macht die Empirie?

Zurück zur Sprache:
Es könnte helfen eine gemeinsame, widerständische Sprache zu finden, wenn sich die Politik (da werde ich jetzt mal sehr grob) darauf einigen könnte, Interventionen à la Hausbesetzung politisch vollständig abzulehnen. Stattdessen ernten Aktivist_innen allerlei Verständnis. Ist dieses Verständnis wirklich nur „repressive Toleranz“, d.h. eine fingierte Anerkennung, die dazu führt, dass der Gegner unsichtbar und somit schlechter bekämpfbar wird?
Oder ist diese Anerkennung Ausdruck gemeinsamer Interessen?

Julia:„Was ist wenn diese „Politik der Anerkennung“ kein Ausdruck gemeinsamer Interesse ist und kein Ausdruck fingierte Anerkennung, sondern Interesse an dem Anderen ist? Ist dieses vorstellbar für dich?“

Ende: Jetzt hast du mich doch noch erschreckt. „Interesse am Anderen?“ Da setzt bei mir der Verstand aus und ich krieg ein flaues Gefühl. Ich glaube ich bin immer noch nicht reflektiert genug, um verstehen zu können, wie Leute sich als „Anders“ empfinden können. Wenn poltischer Aktivismus im Vergleich zur jeweiligen eigenen Praxis etwas „Anderes“ ist, dann weiß ich, warum mir statt einer Formulierung manchmal eine Beleidigung rausrutscht.
Das ist zumindest mal ein Bekenntnis zu wirklicher Befremdung. Sonst wird von Gegnern links-aktivistischer Politik eher betont, dass diese wirkungslos und bestenfalls systemverbessernd wirken kann (gleich dem Hacker, die Systemfehler offenlegt, damit diese behoben werden können).

Julia: „Ist hier nicht ein Widerspruch? Vielleicht noch mal auf Anfang: Was ist die Forderung links-aktivistischer Politik (die in diesem Ausdruck bereits institutionalisiert ist)? Ist es nicht eine Wirkung systemverbessernd zu sein (Was immer
verbessernd meint) ?

Ende: Jetzt haben wir bald alle Weltmeere durchkreuzt…Meine Forderung ist: Wir bewegen uns gemeinsam in Widersprüchen voran, um vorhandene Widersprüche in der Praxis sozial und in der Organisation strukturell aufzuheben. Was links-aktivistische Politik im Allgemeinen will (und zudem als Institutionalisierte), weiß ich nicht. Wenn etwas institutionalisiert werden könnte, wäre es die radikale Subversion selbst, aber diese müsste (s.o.) auf Bedürfnisse und theoretische Ansprüche befragt werden. Systemverbessernd heißt doch die Machtbeziehungen nicht mit einzubeziehen. Vielleicht ist es verständlich, wenn ich sage: Diese Gesellschaft ist auseinandergeflogen und hat sich in Dummheiten und Zynismen eingerichtet (manche nennen das „Kapitalismus“). Da fang ich an zu handeln.

Wenn sich die Konkurrenz-Eigentums-Ausschluss-Maschine jeden Widerstand zum Motor macht (ihn rekuperiert), verhindert sie aktiv, dass solidarische Ideen Wirklichkeit statt Marketing werden.
Zudem bleibt den Subversionsfreunden (s.o. Typ 1), damit nur noch der Mob. Eine nicht belegte These (aus Faulheit) besagt: Mit einem spezifischeren, analytischeren, wissenschaftlichen Blick könnte eine Sprache gefunden werden, die substantielle, berechtigte Kritik mit politisch-praktischer, vertragszwangsläufiger Tätigkeit derart in Beziehung setzt, so dass sich Staat und Bewegung ineinander auflösen – als „best of both world“ – bedürfnisorientierte, ästhetische Praxis mit generalisierter, mathematischer Verbindlichkeit.

Julia: „Gehen wir mal davon aus, dass Sprache die Verkürzung unserer Gedanken und damit auch unseres Handelns ist, geht es am Ende um eine neue Sprache, aber am Anfang um die Betrachtung der Akteurskonstellation und die jeweiligen Handlungsmotive der Subjekte?
Das heißt steht die Schaffung einer neuen Sprache nicht in Abhängigkeit zu der Schaffung von Freiräumen, also materiellen Orten an denen sich neue Ausdrucksformen (muss das denn unbedingt Sprache sein) finden können?
Orte des Experimentierens gesellschaftlichen Zusammenlebens, welche die Radikalität ermöglicht, sie aber durch inkorporierte Wissenszustände strukturiert?
Denn von wem hast du die Sprache mit der du sprichst? Woher kommen die Ideen die du denkst? Sind sie in einem außen von Gesellschaft, sind sie in einem außen von Historizität? Bist du nicht am Ende sozial strukturiert und genau das was du kritisierst?

Ende: Nun bin ich durch alle Weltmeere geschwommen und tauche in den Malstrom, den Vortex ein. Diese schöne sich-in-sich drehende Spirale, welche die Poesie gebiert. Denn du hast mich eingeladen: Ja, ich bin genau das, was ich kritisiere.

„Blockaden überwinden, Leerstände beleben, auch im Denken!“ So heißt es in der ersten FüR-These des Netzwerk X – Für Kunst und Soziales im Ruhrgebiet, in dem Julia-Lena Reinermann und Joscha Hendrix Ende aktiv sind und diese Diskussion gerne mit vielen Ähnlichen und Anderen fortsetzen wollen.